Schreibblockaden und Kollegenstress

Mada Mevissen
Mada Mevissen

Seit drei Jahren bietet Mada Mevissen Beschäftigten der TUD eine Sozial- und Konfliktberatung an / Großer Ansturm

Frankfurter Rundschau, 8. Januar 2004
Von Astrid Ludwig

Die Technische Universität Darmstadt hat als einzige Hochschule in Hessen und eine der wenigen bundesweit vor rund drei Jahren eine Sozial- und Konfliktberatungsstelle für ihre 3500 Beschäftigten eingerichtet. Seither wird die Soziologin Mada Mevissen geradezu überrannt von Anfragen.

DARMSTADT – 7. JANUAR – Von ihrem kleinen gemütlichen Büro blickt Mada Mevissen auf den angrenzenden Park. Eine Aussicht, die entspannt – und wer bei ihr im 4. Stock des alten Hochschulgebäudes an die Tür klopft, hat Entspannung nötig. Vor vier Jahren begann die Soziologin und Politikwissenschaftlerin (mit therapeutischen Zusatzausbildungen) mit der Ausarbeitung eines Konzepts für eine eigene Sozial und Konfliktberatung an der TUD. Ende 2000 nahm die 48-Jährige die Beratung auf. „Und dann gab es kein Halten mehr. Es ging richtig heftig los“, erinnert sie sich. 250 Beratungsfälle hat sie seither betreut und rund 1.300 Gespräche geführt. Mada Mevissens Kalender ist drei Wochen im Voraus ausgebucht. Ist sie zwei Tage mal nicht im Büro, quillt ihre Mailbox und der Anrufbeantworteter über.

Mit einem solchen Ansturm hatte niemand an der TUD gerechnet. Wobei sie gleich betont, dass hier das Klima nicht schlechter ist als anderswo. Die Uni gehe das Thema einfach offensiv an, und der Bedarf sei offenkundig da.

Keine Mobbing-Fälle

Die Anlaufstelle, betont sie, sei in der Hochschullandschaft etwas Besonderes, weil sich andere Universitäten, wenn überhaupt, auf die Sozial- und Suchtberatung ihrer Mitarbeiter konzentrieren und weniger explizit auf Konfliktlösungen am Arbeitsplatz. Ziel ist, die Beschäftigten und das Klima an der TUD zu stärken.

Mada Mevissen ist in der Beratungsarbeit geschult. Zuvor war sie an der Universität für die Zentrale Studienberatung aktiv. Ihre neue Arbeit konzentriert sich auf Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Verwaltungsangestellte oder das technische Personal der TUD. Dabei denkt die 48-Jährige jedoch nicht strikt bürokratisch. Im Notfall hilft sie auch Studenten weiter. Die in systemischer Beratung erprobte Soziologin analysiert Konflikte am Arbeitsplatz, hilft bei psychischen Krisen, coacht Führungskräfte, berät bei der Entwicklung beruflicher Perspektiven. „Ich unterstütze auch Doktoranden bei Schreibblockaden.“ Die Suchtberatung macht nur einen geringen Teil ihrer Arbeit aus. „Es gibt auch so gut wie keine Mobbing-Fälle an der TUD.“

In der Mehrzahl betreut sie berufliche Konflikte unter Kollegen oder im Team. Dort, wo Gespräche nicht mehr stattfinden oder aufgehört haben, greift sie auf Nachfrage ein. Es gibt Fälle, in denen Kollegen sich seit Jahren nur noch mit Zetteln oder Mails begegnen. Ihre Aufgabe sieht sie darin, „Kommunikation wieder in Gang zu bringen“. Grundsätzlich sei das Klima in einem akademischen Betrieb nicht vergleichbar mit dem in Behörden oder Verwaltungsstellen. Wer an einer Hochschule in Führungspositionen sei, sei das vorwiegend wegen wissenschaftlicher Brillanz. „Das ist eine andere Form des Arbeitens. Hierarchische Grenzen sind verwaschener, was aber auch zu Missverständnissen beitragen kann“.

Muster durchbrechen

„Ich unternehme nichts ohne Abstimmung mit den Beteiligten“, betont sie die Vertraulichkeit ihrer Arbeit, die in Kooperation mit Personalrat, Personalabteilung und dem Betriebsarzt der TUD und Beratungsstellen in der Stadt und der Region abläuft. Bei Lebenskrisen oder psychischen Erkrankungen vermittelt sie in Therapien, Kliniken oder Reha-Einrichtungen. „Ich kann aber keinen Therapeuten ersetzen.“

Oftmals kämen Mitarbeiter mit dem Wunsch zu ihr: „Machen Sie, dass das aufhört“. Voraussetzung für alle Gespräche ist nach Ansicht von Mada Mevissen jedoch „die Bereitschaft der Betroffenen zur Veränderung“. Hat sie Erfolg? „Natürlich sind nicht alle hinterher dick Freund miteinander, aber zumindest kann ich anstoßen, immer wiederkehrende Muster zu durchbrechen“. Wo das nicht geht, hilft sie auch bei der Trennung. „Es ist nicht grundsätzlich so, dass Konfliktparteien sich immer einigen müssen.“ Dann helfe oft nur ein Wechsel in andere Abteilungen oder Fachbereiche.

Ihre Bilanz nach drei Jahren Konfliktberatung: „Es gibt krasse Formen der Auseinandersetzung, aber auch der Verständigung.“ Ein Grund, warum Mada Mevissen die Arbeit Spaß macht. „Es ist sehr spannend, die Wandlungsprozesse zu begleiten. Man erfährt viel Schreckliches, aber es ist auch schön zu sehen, mit welchen Mut viele dann Veränderungen angehen.“