Chronik

Die Geschichte des Georg Christoph Lichtenberg-Hauses

Mehr als 100 Jahre nach seiner Erbauung und vielen Stationen der Umnutzung wird das Georg Christoph Lichtenberg-Haus heute in allen Gebäudeteilen wieder im Sinne seiner ursprünglichen Bestimmung genutzt: als Herberge für Gäste und als Ort der Repräsentation und Festivitäten. Selbst die historischen Reitstallungen und -anlagen sind als solche wieder in Gebrauch, durch den Reitverein der TU Darmstadt. Doch in der Zwischenzeit ist viel passiert…

Bild: Staatsarchiv Darmstadt
Bild: Staatsarchiv Darmstadt

Im Jahr 1898 erwarb Martin Röhrich das Grundstück am Stadtrand in der Dieburger Straße, um ein vornehmes „Parkhotel“ mit Restaurantbetrieb zu errichten. Architekt Fritz Nick schuf eine idyllisch anmutende Komposition, die Gäste zum Verweilen einladen sollte: Fachwerkelemente im oberen Teil der Seitenflügel und des damals noch hohen Aussichtsturms und eine Mauer aus hellem unverputztem Stein verliehen dem Haus seinen ländlichen Charme. Das ursprüngliche Gebäudeensemble wurde demnach bewusst im traditionalistischen Baustil gestaltet und nicht im durch die Architekten der Darmstädter Künstlerkolonie vertretenen Jugendstil. Das Innere überzeugte durch seine komfortable und für die Zeit supermoderne Einrichtung. Am 16. Oktober 1899 war es soweit: Eine Anzeige im „Darmstädter Tagblatt“ kündete frohgemut von der Eröffnung des „Parkhotels“ mit Restaurant.

Doch der erhoffte Andrang blieb aus. Das mag an der Konkurrenz des gegenüberliegenden und etablierten Restaurants „Zum heiligen Kreuzberg“ gelegen haben, aber auch daran, dass das Konzept eines am Stadtrand im Grünen gelegenen Hotels in der damaligen Zeit nicht eben zeitgemäß war. Für Ausflügler und Sommerfrischler war die Lage nicht grün, für Reisende und Stadtbesucher nicht zentral genug.

Es kam, was kommen musste: Das schlecht laufende Hotel wechselte mehrfach seine Besitzer – und mit ihnen sein Gesicht. Zunächst ließ der Kaufmann Bernhard Nathan durch den Restaurator Franz Heidecker in den Jahren 1905/06 das Hotel umgestalten. Der nächste Eigentümer, Kommerzienrat J. N. Dischinger, hielt das Hotel ebenfalls nicht lange und mit dem erneuten Verkauf wurde der Hotelbetrieb eingestellt. Der neue Besitzer, Otto von Schaumburg-Lippe, erwarb das Anwesen im Juni 1910 und ließ es durch die Architekten Jakob Krug, ein ehemaliger Mitarbeiter Joseph Maria Olbrichs, und Georg Scherer als Privatvilla so umbauen, wie es die Gäste nach der Restaurierung wieder empfängt.

Bild: Staatsarchiv Darmstadt
Bild: Staatsarchiv Darmstadt

Aus dieser Zeit stammt nämlich die Jugendstilausstattung, welche den traditionalistischen Stil komplett ersetzte. Besonders schön sind die Verzierungen der Decke im großen Saal sowie die bis heute oft bestaunten Keramikverkleidungen im Eingangsbereich und im Treppenhaus von Jakob Julius Scharvogel.

In dieser Zeit sind wohl auch die Seitengebäude mit den Reitanlagen entstanden. Dafür gibt es Hinweise: Zum einen sind die Gebäude konsequent im Jugendstil errichtet worden, und zum anderen tauchen die Anlagen erstmals auf einem Stadtplan von 1911 auf. Genaueres lässt sich nicht belegen, da die entsprechenden Dokumente des Stadtplanungsamtes in der Darmstädter Brandnacht (11. auf 12.09.1944) zerstört wurden.

Auch die Mauer aus unverputztem hellem Stein, die das Hotelgrundstück von der Straße her begrenzte, musste wahrscheinlich in dieser großen Umbauphase dem dekorativen schmiedeeisernen Eingang Platz machen.

Gleichzeitig mit der umfassenden Umgestaltung benannte Otto von Schaumburg-Lippe das ehemalige „Parkhotel“ nach seiner Frau Anna Gräfin von Hagenburg. Noch heute kennen einige (ältere) Darmstädter das Gästehaus deshalb eher unter dem Namen „Haus Hagenburg“.

Doch auch von Schaumburg-Lippe konnte das Palais nicht lange halten und verkaufte es 1925 an den Kaiserlichen Persischen Geheimen Legationsrat Graf Renault van Becker. Dieser wiederum belastete das Anwesen derart mit Schulden, dass es 1936 zwangsversteigert wurde. Den Zuschlag bekam die Hessische Landesbank, die das Haus nur zwei Jahre später den Nazis überließ. In den Vorkriegsjahren nutzte die NSDAP das Haus als SA-Gruppenschule. Ab 1940 bis zum Kriegsende diente das „Haus Hagenburg“ als Reservelazarett.

Nach Kriegsende fiel das Anwesen in den Besitz der Alliierten, die in den harten Nachkriegsjahren dort zunächst ein Tuberkulosekrankenhaus einrichteten. Im Jahr 1947 scließlich eröffneten die städtischen Kliniken dort ihre Frauenklinik. Einige Jahre später übergab der alliierte Kontrollrat das Anwesen wieder an das Land Hessen. Der neue Eigentümer, „der Hessische Minister für Erziehung und Volksbildung“ löste 1954 die Frauenklinik an diesem Ort auf und überließ den Gebäudekomplex der Technischen Hochschule Darmstadt zur Nutzung. Mit Mitteln des Bundes, des Landes, der Stadt und der TH wurden nun ein Studentenwohnheim und Clubräume in dem Haus eingerichtet. „Dabei wurden unter anderem Decken in die hohen Räume eingezogen. Die Gestaltung übernahm Helmut Lander“, berichtet der ehemalige TH-Vizepräsident Heiner Knell. Der Bildhauer Helmut Lander lehrte zu dieser Zeit am Fachbereich Plastisches Gestalten an der TH Darmstadt. Das Studentenwohnheim wurde schließlich 1955 eröffnet und bis ins Jahr 1977 als Wohnheim genutzt.

Bild: Katrin Binner
Bild: Katrin Binner

Nachdem der Karlshof im Sommer 1976 fertig gebaut worden war und die Studenten umgezogen, kam die Idee auf, das freigewordene Haus künftig als Gästehaus zu nutzen und nicht wie ursprünglich angedacht, auf der TU-Lichtwiese ein Gästehaus für die Universität zu bauen. Dank der Kooperation mit der GSI und Unterstützung der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gelang es, in einer aufwändigen Sanierung zwischen Herbst 1978 und Februar 1980 das Haus als repräsentativen Ort wieder herzurichten. Unter der Leitung der Architektengemeinschaft Economou und Kargel wurden die „oberen Räumlichkeiten stark verändert und umgebaut“, erzählt Knell. Im Juni 1980 wurde das Gästehaus feierlich eröffnet. „Auf ungefähr 1000 Quaratmetern können zwischen 20 und 40 Menschen in 18 Ein- bis Dreizimmerwohnungen leben“, bilanzierte der damalige TU-Kanzler Hans Seidler.

„Auch die eingezogene und inzwischen beschädigte Decke wurde während der Sanierungsarbeiten wieder herausgenommen. Leider war der darunter versteckte Stuck ziemlich kaputt.“ Nicht einmal ein Meter war von den historischen Weinreben-Ornamenten noch übrig, eine Restaurierung dringend notwendig. „Nur leider waren damals in Deutschland keine Stuckateure zu finden“, sagt Knell.

Als im Juli 1980 in Warschau die Vereinbarung über eine wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Technischen Hochschulen Darmstadt und Warschau unterzeichnet wurde, entstand deshalb die Idee, die Restauration des großen Saals im Lichtenberg-Haus polnischen Fachleuten in die Hände zu geben. Und in der Tat reichten den polnischen Stuckateuren gerade einmal 75 Zentimeter Fries, um die Ornamente ringsum originalgetreu wiederherzustellen. „Gleichzeitig stellten wir Überlegungen an, das Haus nicht nur in den alten ursprünglichen Zustand zurückzusetzen, sondern auch moderne Elemente einzubauen, zum Beispiel was die Technik betraf. Denn gerade mit der Akustik hatten wir damals Probleme“, erinnert sich Knell.

Im Jahr 1983 waren die Restaurierungs- und Modernisierungsarbeiten in den Veranstaltungsräumen vollständig abgeschlossen und die Räumlichkeiten wurden im Rahmen des Sommerfestes offiziell eingeweiht. Seither beherbergt das denkmalgeschützte Lichtenberg-Haus in der Dieburger Straße 241 Generationen von ausländischen Gastwissenschaftlern, ist ein einladender repräsentativer Ort für jedwede Festlichkeiten und bietet ein Diskussionsforum für wissenschaftliche Tagungen.