Scharvogel

Jakob Julius Scharvogel – prägnante Spuren eines vergessenen Keramikkünstlers

Bild: Arnoldsche Verlagsanstalt
Bild: Arnoldsche Verlagsanstalt

Kaum einem ist der Name geläufig: Jakob Julius Scharvogel. Was hat er gemacht? Wer war er? Und vor allem: Was hat er mit dem Georg Christoph Lichtenberg-Haus zu tun?

Kurz und knapp lauten die Antworten: Keramiken und Steingut, vorzugsweise Ziergut und Fliesen. Er war gebürtiger Mainzer, kam auf Wunsch des Großherzogs Ernst Ludwig nach Darmstadt und leitete hier für einige Jahre Anfang des 20. Jahrhunderts die Großherzogliche Keramikmanufaktur Darmstadt. Scharvogel verhalf dem „tief gesunkenen Steinzeug“ zu neuer künstlerischer Bedeutung. Er entwarf das Design und fertigte die Kacheln, die noch heute dem Entrée des Lichtenberg-Hauses ein einzigartiges und beeindruckendes Aussehen verleihen.

Etappen aus der Biografie

Jakob Julius Scharvogel erblickte am 3. April 1854 das Licht der Welt, in der Mainzer Flachsmarktstraße 21. Nur eine Randnotiz? Wohl nicht. Der Geburtsort, an dem Scharvogel seine Kindheits- und Jugendjahre verbrachte, spielt vielleicht ein größere Rolle für sein weiteres Leben als man zunächst meinen könnte: Mainz war bis ins 5. Jahrhundert nach Christus hinein Hauptstadt der römischen Provinz Germania Prima und damit viele Jahrhunderte später eine Fundgrube für antike Terrakotten. Das zeigt heute noch die Sammlung des Römisch-Germanischen-Zentralmuseums, die Scharvogel in jungen Jahren wiederholt besuchte. Die Terrakottakunst der Römer beeindruckte ihn schwer und inspirierte ihn zum Erlernen des Berufs als Keramiker.

Zunächst aber besuchte Jakob Julius Scharvogel eine Art Handelsschule, die sein Vater in Mainz unterhielt. Später einmal sollte der Sohn in die Industrie gehen. Um dem Jungen alle Voraussetzungen für ein weltmännisches Auftreten mit auf den Weg zu geben, achteten die Eltern nicht nur gleichzeitig auf eine gute humanistische Ausbildung, sondern schickten den Heranwachsenden 1868 auch ins Ausland, auf die Industrieschule in Zürich. Nach einem Jahr kehrte Scharvogel aus der Schweiz zurück und ging nach Darmstadt, um dort auf der neu gegründeten Hessischen Polytechnischen Schule ein viersemestriges Studium der Mathematik, Chemie und Physik zu absolvieren.

Einige Jahre später begab Scharvogel sich auf eine längere Reise nach Paris. Während seines Aufenthalts in der Weltstadt besuchte er sicher auch die Weltausstellung im Jahr 1878, zu deren Highlights die japanischen Töpfer mit ihrer gebrannten Keramik gehörten. Dieser Einfluss sollte sich in Scharvogels künstlerischem Schaffen später wiederfinden. Einige Zeit später zog es den jungen Mann in die Metropole London – der Ort, an dem er wohl eine Art Schlüsselerlebnis erfuhr. Denn nachdem er sich mit Keramikgegenständen im 1852 gegründeten South Kensington Museum (heute: Victoria & Albert Museum) beschäftigt hatte, begann er sich erstmals selbst künstlerisch zu betätigen.

Ein Verquickung von kaufmännischer Berufsausbildung und seinem Interesse an Keramiken gelang Scharvogel, als er 1883 eine Anstellung als Fabrikingenieur und stellvertretender Direktor der Mosaikfabrik „Villeroy & Boch“ in Mettlach annahm. Ab 1885 leitete der nun 31-Jährige die Vertriebszentrale des Unternehmens für Mitteldeutschland mit Sitz in Leipzig. Im gleichen Jahr heiratete er die Mainzerin Sophie Vohsen, mit der er zwei Töchter bekam. In seinen Jahren in Mettlach und Leipzig arbeitete sich der Künstler in die Herstellungsverfahren keramischer Materialien ein. Doch nach 15 Dienstjahren bei Villeroy & Boch wollte Scharvogel sich künstlerisch weiterentwickeln und entschloss, mit seiner Familie nach München zu ziehen, um dort neue Wege einzuschlagen.

In der Jugendstilhauptstadt München angekommen, gründete Scharvogel noch im gleichen Jahr im München-Sendlinger Oberfeld seine „Münchner Kunsttöpferei“, in der er mit der Zeit ein recht großes Sortiment – nach dem Vorbild japanischer Töpferkunst – herausbildete: Vasen, Leuchten Lampen und Krüge gehörten dazu sowie ein wenig figürliche Keramik. Der „Fabrikant-Kunsttöpfereibesitzer“, wie seine Berufsbezeichnung nun lautete, knüpfte rasch Kontakt zu den „Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“.

Dieses Unternehmen wurde 1898 gegründet und war eine Vereinigung mehrerer Handwerksbetriebe für Möbeldesign und Inneneinrichtung unter einem Namen. Zahlreiche Künstler wie Bruno Paul, Peter Behrens, Hermann Obrist und andere wirkten dort. In den ersten Jahren waren die Produkte stark vom Jugendstil geprägt. Einige der Künstler arbeiteten auch bei Scharvogel, so zum Beispiel Ludwig Habich, Walter Magnussen und Paul Haustein, mit dem zusammen er neuartige, mit kunstvollen Ornamenten verzierte Fliesenserien herstellte. Entscheidend ist die neue Technik, bei der Scharvogel mit Hilfe von Metalloxyden die farbenprächtig glasierte Töpferkunst schuf. Jenes „Scharffeuer-Steinzeug“ firmierte unter dem Namen „Scharvogel-Steinzeug“.

Bundesweite Ausstellungen brachten das Scharvogel-Steinzeug auch nach Darmstadt auf eine Schau der Künstlerkolonie im Jahr 1901. Von dort aus hielten seine Produkte und Fliesen Einzug in die von Josoph Maria Olbrich erbauten Jugendstilvillen „Haus Glückert“ und „Haus Habich“ sowie in die Villa des bekannten Jugenstilarchitekten selbst. Scharvogels Mitarbeiter Haustein wurde 1902 nach Darmstadt in die Künstlerkolonie berufen, wo er bis zur zweiten Ausstellung auf der Mathildenhöhe Möbel und Ausstattungen der Ausstellungshäuser entwickelte, in denen sich hie und da auch Produkte aus Scharvogels Werkstätten wiederfanden.

Gleichzeitig plante Großherzog Ernst Ludwig, in Darmstadt ein keramische Manufaktur zu errichten. Und da Scharvogel durch die Ausstellungen auf der Mathildenhöhe in Darmstadt inzwischen ein Begriff war, konkretisierte sich bald die Überlegung, den Wahlmünchner mit der Leitung der „Großherzoglichen Keramischen Manufaktur“ zu betrauen. Der Unternehmer legte im April 1904 ein Konzept vor, das drei Produktionsschwerpunkte vorsah: In Darmstadt sollten Gartenschmuck, Bauterracotta und Innendekorationen entstehen. Genau zwei Jahre später nahm die Manufaktur in Darmstadt den Betrieb auf und baute vor allem den Bereich der Kachel- und Fliesenproduktion aus.

Für seine neue Stelle in Darmstadt gab der Keramiker 1905 sein Präsidentenamt der „Münchner Vereinigung für angewandte Kunst“ auf, das er seit 1903 bekleidet hatte. Zum Abschied erhielt er den Verdienstorden vom Heiligen Michael IV. Klasse für seine Verdienste um das bayerische Kunstgewerbe. Im gleichen Jahr verkaufte der Künstler auch noch seine Münchner Manufaktur, um in den Darmstädter Stadtteil Eberstadt zu ziehen, wo die „Großherzogliche Keramische Manufaktur“ in der Heidelberger Straße errichtet wurde.

Der erste große Auftrag der neuen Manufaktur war die Ausstattung des Solbades in Bad Nauheim mit Baukeramiken. Große Hoffnungen wurden in die Scharvogel-Keramik gesetzt, die gegen den Steinfraß resistent sein sollte. Die Keramikmanufaktur hatte nämlich inzwischen nicht nur glasiertes Steinzug für eine innenarchitektonische Gestaltung entwickelt, sondern außerdem robuste Steinzeugfliesen für die Fassadenverkleidung. Somit propagierte Scharvogel ab 1907 seine „wetterfeste Keramik“.

Ebenfalls im Jahr 1907 wurde der „Deutsche Werkbund“ mit mehr als 100 Künstlern, Kunsthandwerkern, Industriellen und Kunstfreunden unter dem Vorsitz von J. J. Scharvogel gegründet. Der Keramiker übernahm in der Organisation in den Folgejahren erfolgreich verschiedene zentrale Funktionen. Scheinbar lief alles glatt…

Nicht alles… Der wirtschaftliche Erfolg der von Scharvogel geleiteten Manufaktur in Darmstadt blieb aus. Und das, obwohl seine Scharffeuerfliesen und Garten-Terrakotten bei der Hessischen Landesausstellung 1908 auf der Mathildenhöhe auf positive Resonanz gestoßen waren und verschiedene Badehäuser in Bad Nauheim schmuckvoll mit seinen farbigen Steinzeugfliesen ausgestattet worden waren sowie im Jahr 1910/11 das Treppenhaus der „Hagenburgschen Villa“ und 1912 Teile des von dem Architekten Friedrich Pützer erbauten Darmstädter Hauptbahnhofgebäudes (Fürstenbahnhof). Der wirtschaftliche Misserfolg trübte das Verhältnis zum Großherzog Ernst Ludwig ein, worauf Scharvogel sich im Jahr 1913 „aus gesundheitlichen Gründen“ kündigen ließ. Auch weitere Versuche, die Darmstädter Keramikmanufaktur unter neuer Leitung zu wirtschaftlichem Erfolg zu bringen, scheiterten. 1931 wurde sie geschlossen.

Scharvogel zog sich eine Weile zurück und reiste. 1915 schließlich begann er an der TH München Vorträge über Baukeramik zu halten. Zehn Jahre später gab er seinen Lehrauftrag im Alter von 71 Jahren wieder ab, engagierte sich jedoch weiter kulturpolitisch, seit 1918 unter anderem als Mitglied im „Künstlerrat“ und bei der Organisation der „Deutschen Gewerbeschau“, die als Konkurrenzveranstaltung zur 1922 geplanten Pariser Weltausstellung rund 3.5 Millionen Besucher nach München lockte. Nicht zuletzt für dieses Engagement bis ins hohe Alter erhielt Scharvogel ab seinem 75. Geburtstag von der Stadt München bis zu seinem Tod am 30. Januar 1938 eine Ehrenrente.

Quelle und Buchtipp:

Diese und mehr Informationen über den Künstler Jakob Julius Scharvogel finden Sie in folgendem Buch:

Hans D. ZurMegede/Renate Ulmer: „Jakob Julius Scharvogel. Keramiker des Jugendstils: Art Nouveau Ceramist.“ Arnoldsche Verlagsanstalt 1995.