Liebesgrüße an Lieschen Müller

Briefe voller Gefühle – Forschungsprojekt zur Digitalisierung von Zeugnissen der Alltagskultur

16.03.2021 von

Die Liebesbriefe, die Prominente wie Goethe, Marlene Dietrich oder Bertolt Brecht schrieben, sind hinreichend bekannt und dokumentiert. Was aber ist mit den werbenden, verzweifelten oder zärtlichen Zeilen, die ganz „normale“ Menschen an ihre Liebsten adressieren? Mit diesen Zeugnissen der Alltagskultur befasst sich das von der TU Darmstadt koordinierte Forschungsprojekt „Gruß und Kuss – Briefe digital. Bürger*innen erhalten Liebesbriefe“. Im Verbund mit der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, der Hochschule Darmstadt und Universität Koblenz soll aus diesem Citizen Science-Projekt ein digitales Liebesbriefarchiv entstehen.

Das Archiv besteht aus über 20.000 Liebesbriefen, die nun digitalisiert, erschlossen und zugänglich gemacht werden.

Es gibt das diskrete Liebesgeständnis, Briefe, die von Leidenschaft oder unerfüllter Liebe handeln. Zettel mit ein paar Gedichtzeilen, Worte, die ein Wiedersehen herbeisehnen, die um die Hand der Erwählten werben oder der Zweisamkeit ein Ende setzen. „Es ist faszinierend, vieles liest sich vertraut, aber vieles ist auch sehr überraschend“, sagt Andrea Rapp, Professorin am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt.

Wenn sich die Sprachwissenschaftlerin in ihr Forschungsmaterial vertieft, liegt vor ihr die ganze Bandbreite und Gefühlswelt bis dahin ihr unbekannter Menschen. Liebesbriefe und Briefwechsel, die Lieschen Müller, Gustav Meyer oder Urs Schmidt im 19. oder 20. Jahrhundert an ihren „Schatz“ geschrieben haben. Eine Quelle weitgehend unerschlossener Alltagskultur, die Rapp und ihre Forschungspartnerinnen und -partner bewahren und vom analogen ins digitale Zeitalter heben wollen, um es einer breiten Öffentlichkeit und Bürgerforschung zugänglich zu machen.

Zurückgreifen können die Forschenden auf das Liebesbriefarchiv, das Professorin Eva L. Wyss vom Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau aufgebaut hat. Vor 30 Jahren begründete sie zunächst an der Universität Zürich die Sammlung, nachdem Privatleute aus der Schweiz und Deutschland ihr nach Aufrufen in den Medien über 6.000 Liebesbriefe für ihre Sprachforschung gespendet hatten. Gemeinsam mit TU-Professorin Andrea Rapp konnte dieser Bestand seit 2015 auf heute über 20.000 Briefe und Briefwechsel ausgebaut werden. Das analoge Archiv, heute im Besitz der Uni Koblenz, bildet den Grundstock für das Verbundprojekt, das von der TU Darmstadt koordiniert wird.

„Sicherung der Geschichte von unten“

Professorin Dr. Andrea Rapp

Den Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern geht es darum, „einen Ort für die Familien- und Alltagsgeschichte ganz normaler Leute zu finden.“ Sicherung der Geschichte von unten, nennt Professorin Rapp das. Im Bestand finden sich Nachlässe von Großeltern, Eltern, Vorfahren, Bekannten und Verwandten oder auch die eigenen Briefe, die Menschen bereitwillig übergeben haben, „weil sie sie nicht behalten, aber auch nicht wegwerfen wollten“, so Rapp.

Sie schätzt, dass das Liebesbriefarchiv im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus einmalig ist. Ein Schatz, zumeist handschriftlich, den das Team nun sortieren und transkribieren muss. In Koblenz werden die Briefe eingescannt und in Darmstadt in die digitale Datenbank der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) eingepflegt und mit Textinformationen versehen. Online sollen die Briefe später für Interessierte einsehbar sein, sobald Persönlichkeitsrechte geklärt sind.

Von Interesse ist für die Wissenschaft die natürliche und unmittelbare Ausdrucksweise, Dialekte oder mündliche Sprache, in der Herr und Frau Müller, Meyer, Schmidt ihre Liebesbriefe verfassen. „Authentische Zeugnisse und eine Quelle für Alltagssprache, wo man sonst kaum Quellen hat“, so die TU-Professorin. Erforschen wollen die Projektbeteiligten die Sprachwirklichkeit: Wie wird über Emotionen geredet, in welcher Form spiegelt sich der Wandel in Gesellschaft, Krisen oder Kriege wider, auf welchem Material werden die Briefe geschrieben oder welche Ausdrucksformen gibt es?

Die Förderung

„Gruß und Kuss“ hat eine Laufzeit von April 2021 bis März 2024 und wird im Rahmen des Förderbereichs Bürgerforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Es gehört zu den aus 460 Bewerbungen ausgewählten 15 Projekten, die bis Ende 2024 die Zusammenarbeit von Bürgerinnen und Bürgern und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler inhaltlich und methodisch voranbringen und Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben sollen.

Bürger schaffen Wissen. Die Citizen Science Plattfom.

Vorwiegend männliches Genre

Liebesbriefe sind vorwiegend ein männliches Genre, sagt Andrea Rapp. Im 19. Jahrhundert eher formell gehalten, waren sie oftmals Werbebriefe an die Zukünftige oder dafür Ausersehene. Die Phrase „Ich liebe dich“ taucht erst im 20. Jahrhundert auf. „Im 19. Jahrhundert hat man nicht so über Gefühle gesprochen“, so die TU-Forscherin. Im Archiv finden sich Liebesbekundungen aus mehreren Jahrhunderten bis hin zu heutigen SMS, Emails- und WhatsApp-Nachrichten oder Schülerbriefen samt der Klassikerzeile „Willst Du mit mir gehen?“. Rapps Favoriten sind die „Kissenzettel“, wie sie sie nennt. Kurze Notizen, die sich Paare hinterlassen. Manche in Gedichtform und so kreativ, „das hätte kein Dichter schöner sagen können“.

Ein weiteres Ziel des Projektes ist, die öffentliche Aufmerksamkeit mit Tagungen, Workshops und Ausstellungen auf diese Form der Alltagskultur zu lenken und die Bürgerforschung dafür zu gewinnen. Vereine wie die Landfrauen, Geschichts- und Heimatvereine wollen die Forscherenden dafür interessieren. Professor Thomas Stäcker, Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) und Kooperationspartner von „Gruß und Kuss“, sieht darin die Chance für eine Modernisierung. Die ULB werde auch von regionalen Nutzern und Nutzerinnen aufgesucht. Über Citizen Science-Projekte hofft Stäcker mehr junge Leute anzusprechen, sie für die ULB und Methoden der kulturellen Überlieferung zu begeistern. „Für eine neue Sichtweise beispielsweise auf Heimatforschung, Identitäts- und Gedächtniskultur. Liebesbriefe sind da ein tolles Vehikel“, findet er.

Loveletters Coding App

Stefan Schmunk, Professor für Informationswissenschaften und Digital Libraries an der Hochschule Darmstadt (h_da), ist Kooperationspartner des Forschungsprojektes „Gruß und Kuss – Briefe digital. Bürger*innen erhalten Liebesbriefe“. Er kümmert sich um die Datenmodellierung und Datenerschließung im Projekt. Flankierend entwickelt er mit einem Team an der h_da eine App, die das wissenschaftliche Arbeiten mit den digitalisierten Liebesbriefen möglich machen soll. Mit der Anwendung sollen unter anderem Texte transkribiert und Themen identifiziert werden können. Gedacht ist die App für die breite Bevölkerung. „Wir wollen mit dem digitalen System bürgerliches Forscherinteresse wecken“, beschreibt Prof. Schmunk vom Fachbereich Media das Anliegen. Und das möglichst spielerisch. Derzeit entsteht ein Prototyp, einsatzbereit sein soll die App bis 2023. Bereits heute bringt er das Thema digitale Liebensbriefe in seine Lehrveranstaltungen ein. Bei seinen Studierenden ist das Interesse groß.

Analoges Liebesbriefarchiv

Professorin Eva L. Wyss vom Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz), kümmert sich als Projektpartnerin in Koblenz um die Scans der Briefe und knüpft Verbindungen zur Bürgerforschung. Wyss hat das analoge Archiv in den 1990er Jahren in Zürich gegründet und seither ausgebaut. Die Schweizerin erforscht die „Sprachgeschichte von unten“. Bis dahin gab es kaum authentische Analysen dieser Art Alltagskultur.

Liebesbriefe sind etwas sehr Privates, Intimes. „Ich war selbst erstaunt, wie viele Menschen sich damals nach dem Aufruf in den Medien bei mir gemeldet und mir Briefe überlassen haben.“ Der Erhalt dieser Zeugnisse „scheint ein großes positives Bedürfnis zu sein“, sagt sie. Viele spendeten eigene Liebesbriefe. Eine Frau, berichtet Professori- Wyss, habe das ihr gegenüber einmal scherzhaft als „Organspende“ bezeichnet. Heute sind über 20.000 Briefe archiviert. Gelesen hat die Germanistin sie nicht alle, „dafür bräuchte ich zwei oder drei Leben“, lacht sie – zumal die Handschriften oft schwer zu entziffern sind. Aber die Briefe sind Thema vieler Seminare, Vorlesungen und internationaler Ausstellungen, die sie seither kuratiert hat.